Emma

Im Krieg geboren.
Niemand weiß wirklich, was das bedeutet. Ich bin ein Kind, im Krieg geboren. Nicht während des Krieges, nicht am Anfang des Krieges, sondern im Krieg.
Es gibt keine Erinnerungen davor, es gibt nur die Erinnerungen danach.
Immer, wenn ich das Einschlagen von der Munition in die Betonwände höre, flammen die alten Bilder vor meinen Augen auf.
Wie die Männer und Frauen auf mich zukamen, wie sie mich hochhoben und wie aus ihren Nasen und Mündern und Augen plötzlich Blut spritzte und ich wieder auf den Boden fiel.
Meine Hände waren schwarz und klebrig.
Wie jetzt.
„Emma. Du bist dran.“
Ein ebenso nichtssagender Name wie all dieses nichtssagende Gemetzel um mich herum. Aber ich zucke nicht mit der Wimper, als ich anlege und die Ruckstöße mich leicht wackeln lassen.
Manchmal sehe ich sie wieder, die Tränenspuren auf Ruß und Asche. Nicht selten bei den ganz Jungen, wie sie erstarren und ihre Augen für sie sprechen; sie Gewehr umklammern und ihre Lippen lautlose Gebete stammeln. Wie alle Augen leer werden, wenn der Soldat neben ihnen zerfetzt und seine Überreste sich auf ihre Haut legen.
Rot ist angeblich eine gern getragene Farbe.
„Ihr Bataillon ist zu stark. Rückzug!“
Wieder über Steine klettern, die einmal Ziegel in einer Mauer und Mauer eines Hauses waren. Wieder ducken, wieder rennen, wieder Schreie, überall.
Krieg ist ein schmutziges Geschäft, denn ist genau das: Ein Geschäft. Worin sonst besteht der Sinn, der keiner ist? Etwas explodiert, die Ohren summen, doch ich lasse nicht los.
„Emma!“, brüllt jemand und ich höre auf den Stumpf des Jungen hinter mir herzuziehen. Vor einer Sekunde war es kein Stumpf gewesen, sondern ein heulendes Bündel Elend.
Irgendwann werden die Schüsse leiser, die Detonationen sieht man nur noch von weitem als grausam-schwarze Rauchwolke.
Ich lasse mich auf den Boden sinken, mein Rücken gegen einen Baumstamm. Die anderen sagen nichts. Ich halte die erste Wache.
Die Stadt ist klein, eigentlich ist es kaum mehr als ein großes Dorf. Ich habe schon wieder vergessen, warum wir hier bluten und nicht woanders, aber es ist im Grunde egal.
„Emma.“ Eine schmutzige, blutbesudelte Hand reicht mir eine geöffnete Konserve.
Ich hasse Bohnen.

Es wird langsam dunkel und der der Himmel klart auf. Überall funkeln blitzend helle Sterne, kaum größer als die winzige Spur, die Schießpulver auf nackter Haut hinterlässt.
Morgen werden wir gehen und wir werden zurückkehren, in ein anderes großes Zelt mit anderen großen Befehlen.
Und vielleicht überleben wir sogar, um ein Übermorgen mehr zu bluten.

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